Foto von Daniel Sankowski auf Pixabay

In diesen Zeiten kurz innehalten.
Ein paar Zeilen lesen.
Einen Moment der Ruhe genießen und nachfühlen,
welche Gedanken im Herzen angekommen sind
und durch die Woche begleiten mögen.

Impulse zum Lesen

Impuls zum 28. Februar

2. Fastensonntag

An diesem Sonntag wird das Evangelium von der „Verklärung des Herrn“ verkündet (Markusevangelium 9,2-10). Jesus nimmt drei seiner Apostel mit auf einen hohen Berg. Ihrer Anstrengung folgt eine Gipfelstunde, denn oben sehen sie ihn in einem anderen Licht.

Diesen Gedanken möchte ich vertiefen: Jesus anders sehen. Schließlich möchte jede Fastenzeit diese Haltung bei uns fördern: Jesus neu in den Blick zu bekommen. Also wegzukommen vom gewohnten Blick und abzuschweifen von üblichen Gedanken. Ich werde in diesen Wochen aufgerufen, Neues an ihm entdecken. Mich also beispielsweise einmal von einem anderen Jesuswort ansprechen zu lassen. Und damit auch anders über mich selber ins Nachdenken zu kommen.

Die drei Apostel haben sich dieser Erfahrung auf dem Berg ausgesetzt. Sie erlebten damit einen Höhepunkt ihres Lebens! Beim Weg vom Berg herunter, beschäftigte sie deshalb auch die Frage, was das heißt: „Von den Toten auferstehen!“  Sie haben also verstanden, wie hilfreich es für ihr Leben und Aufleben ist, dass ihr Alltagstrott, der sie auf Dauer abstumpfen und austrocknen lässt, derart unterbrochen wurde.

Lassen Sie sich heute ansprechen:

Sich wie die drei Apostel einer Anstrengung aussetzen, um eine Gipfelstunde mit Jesus zu erleben.

Sich wie die Apostel fragen, was das für mich heißt: Von dem, was mich tot macht, aufzuerstehen.

Mit welchem (anderen) Jesuswort möchte ich mich in dieser Fastenzeit auseinandersetzen, um Jesus – und dann auch mein Leben – in einem anderen Licht zu sehen?

Aus zwei Gotteslob-Gebeten:

Du, Herr, gibst mir immer wieder Augenblicke der Stille,
Atempausen, in denen ich zu mir komme.
Du stellst mir Bilder vor die Seele, die mich sammeln
und mir Gelassenheit geben.
Es überrascht mich selbst, wie zuversichtlich ich sein kann.
Ich merke, wenn ich mich dir anvertraue, bleibt das Herz ruhig.

Wachse, Jesus, wachse in mir,
in meinem Geist, in meinem Herzen, in meiner Vorstellung, in meinen Sinnen.
Wachse in mir mit deiner Gnade, deinem Licht und deinem Frieden.
Wachse in mir zur Verherrlichung deines Vaters, zur größeren Ehre Gottes.

Impuls zum Valentinstag

Seit vielen Jahren wird auf der ganzen Welt am 14. Februar der Valentinstag gefeiert. Der Heilige Valentin gilt als Schutzpatron der Liebenden, die sich an seinem Festtag Blumen schenken, in unserem Kulturkreis eine sehr populäre und stark kommerzialisierte Tradition.

Valentin lebte im 3. Jahrhundert und war Bischof im heutigen Terni, nördlich von Rom. Der Legende nach verkündete Valentin einst auf der Straße das Evangelium und schenkte den Menschen Blumensträuße. Die von ihm geschlossenen Ehen sollen unter einem guten Stern gestanden haben. Seitdem gilt Valentin als Patron der Liebenden, darüber hinaus auch als Patron der Jugend und er wird zum Schutz gegen die Pest angebetet. Die Verbindung zu den Liebenden hat übrigens auch heidnische Wurzeln: Im alten Rom wurde am 14. Februar die Göttin Juno als Hüterin der Ehe und Familie verehrt.

Im mühsamen Alltag in einer Pandemie, in der körperlicher Abstand und Kontaktvermeidung das wichtigste Gebot der Stunde ist, bekommt der Schutz des Heiligen Valentin für mich noch einmal eine neue, tiefere Bedeutung. Natürlich können wir Blumen oder Grüße online verschicken. Was jedoch fehlt, ist die Möglichkeit, Liebe, Verliebt-Sein, das Gefühl der Freude über das Da-Sein des Anderen, direkt körperlich zu zeigen. Viele junge Menschen können nicht spontan, nach Lust und Laune, neue Bekanntschaften machen und (Liebes-) Beziehungen eingehen. Corona schafft eine Einsamkeit, die uns bis zum Sterben und Abschiednehmen von geliebten Menschen schmerzhaft begleitet. Andererseits sind Familien durch Homeoffice und Homeschooling im Alltag oft so stark belastet, dass Liebe und liebevolle Umgang miteinander nur noch wenig Raum haben.

Was können wir tun?

„Die Liebe ist langmütig, Sie erträgt alles, hofft alles, hält allem stand“.

So schreibt Paulus in seinem wunderschönen und berühmten Korintherbrief. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als unseren Blick auf die innere Kraft der Liebe zu richten. Diese innere Kraft gründet in der Liebe Gottes zu uns Menschen und sie wird gestärkt durch den Geist des Heiligen Valentin. Diese Art von Liebe hat nichts Vordergründiges, sie ist still und unendlich tief. Weil sie von einem guten, Heiligen Geist getragen ist, hält sie jedem Virus stand, sie erträgt in allen Beziehungen die Durststrecken. Sie ist unsere Hoffnung auf eine Zeit nach Corona.

Glaube, Hoffnung, Liebe werden uns von Gott geschenkt. Allen Liebenden, vor allem denen, die ihre Liebe heute nur in Distanz zeigen oder leben können, wünsche ich täglich mehr von Gott geschenkter Liebe.

Predigt zum Kanzeltausch der ökumenischen Bibelwoche 07.02.2021 in der ev. Auferstehungsgemeinde in Hastedt

Der wunderbare Fischfang und die ersten Jünger (LK 5,1-11)

Liebe Gemeinde,

ich freue mich sehr heute hier bei Ihnen zu sein. Mein Name ist Nina Lubberich und ich gehöre seit dem 01.01. diesen Jahres zum Pastoralteam der katholischen Kirchengemeinde St. Johann. Meine Stelle läuft unter dem Titel Pastorale Koordinatorin. Die Pastorale Koordination und ist bei uns im Bistum ein recht neues Aufgabenfeld, das noch einmal neue Akzente in der Leitung der Gemeinde setzen soll.

Somit gibt es für mich viel Neues mit dem Beginn des neuen Jahres: eine neue Stelle, die selbst noch recht neu ist, die neue Aufgaben mit sich bringt; aber eben auch vertraute Aufgaben, die mit der neuen Rolle gefüllt werden müssen und neue Begegnungen in einer Situation, die gerade doch sehr ungewöhnlich ist.

Aber es ist eben auch nicht alles neu. Seit 2011 wohne ich bereits mit meiner Familie in Bremen. Als Schulseelsorgerin der St. Johannis Schule, in der ich tätig war, sind mir einige Menschen in der Gemeinde schon vertraut und auch die Kirche St. Johann hat für mich durch die Taufen unserer drei Kinder ebenfalls eine emotionale Bedeutung.

Neue Anfänge haben wir alle schon einmal erlebt. Es gibt große Neuanfänge, wenn man in die Schule kommt, zu arbeiten beginnt, heiratet, Kinder geboren werden. Aber es gibt auch kleine Neuanfänge: Eine neue Sorte Kaffee auszuprobieren, ein neues Buch aufzuschlagen und zu lesen, zu entdecken, dass die ersten Frühlingsboten langsam den neuen Frühling ankündigen.

Das Schöne an all dem Neuen, vor allen bei dem großen Neuanfängen ist, dass man immer einen Rucksack dabeihat. In diesem Rucksack sind Erfahrungen und Menschen und Erinnerungen, die wichtig sind, die geprägt haben, positiv wie negativ. Und auch wenn man das Gefühl hat, dass man bei Null anfängt, nach einer kurzen Besinnung wird dann doch deutlich, dass man dies eben nicht tut. Es verändern sich Orte oder Aufgaben oder Menschen, aber vieles bleibt auch.

Für Simon Petrus gibt es in dem Lesungstext auch einen großen Neuanfang. Am Ende des Textes verlässt er sein bekanntes Leben und geht mit Jesus mit: eine neue Aufgabe, neue Menschen, neue Orte, neue Verantwortung. Aber er nimmt auch etwas mit. Seine beiden Freunde, mit denen er schon auf dem Schiff zusammengearbeitet hat. Sie haben sicherlich schon einige stürmische Zeiten miteinander erlebt und die sicherlich nicht nur auf dem Schiff, sondern auch im persönlichen Miteinander und im Arbeiten. Vielleicht kann man sagen, dass Jakobus und Johannes wichtige Bestandteile in seinem Rucksack der Erfahrungen sind, die ihm Sicherheit geben. Und diese Sicherheit ist wichtig, wenn sich vieles verändert.

Ich habe mich gefragt, was führt eigentlich zu einen Neuanfang? Oft ist es ein Schlüsselmoment. Aber dieser kann nicht kreiert werden. Vielmehr kommt er zu einem.

Wie bei Simon Petrus: Er kannte Jesus schon vor diesem Treffen am See. Jesus war in seinem Haus schon öfter zu Gast gewesen. Sicherlich war es Simon Petrus bewusst gewesen, dass Jesus jemand ist, der besonders ist. Jemand der Menschen begeistern kann und durch den eine neue Bewegung entsteht. So hat es ihn nicht verwundert, dass viele Menschen Jesus hören wollten. Es hat ihn auch nicht verwundert, dass Jesus zu ihm auf das Boot gestiegen ist und auch seine Worte haben ihn nicht dazu veranlasst den Neuanfang zu wagen. Das Fangen der riesigen Menge Fische war für ihn und auch für seine Kollegen der Moment durch den ihnen deutlich geworden ist, wer Jesus wirklich ist: der Sohn Gottes. Für Simon Petrus war es ein Alltagsmoment, der aber dann doch keiner war. Diese großartige Erfahrung aus dem Alltag heraus, hat Simon Petrus zutiefst verunsichert, Angst gemacht, in Schrecken versetzt.

Es war sicherlich die Unverhofftheit dieses Wunders, die zur Angst und zum Schrecken geführt hat. Aber nicht nur das. Simon Petrus werden seine Menschlichkeit, seine Endlichkeit und auch seine Grenzen bewusst, gegenüber der Grenzenlosigkeit Gottes. Vielleicht wird Simon Petrus auch durch diese Erfahrung bewusst, dass sein Leben nach dieser Erfahrung nicht mehr so weitergehen kann wie vorher. Zu tief ist die Berührung, das Erkennen gewesen. Diese Erfahrung führt zu einer Art Ratlosigkeit, die auch erstarren lässt. Es scheint, als ob sich Simon Petrus folgendes gefragt hat: Wenn Jesus der Sohn Gottes ist und wenn ich das jetzt weiß, dann kann ich doch nicht einfach so weiter machen. Aber wie soll es weitergehen? Ich mit meiner Begrenztheit, was habe ich für Fähigkeiten, Möglichkeiten weiterzugehen?

Er und seine Freunde sind erstarrt. Jesus lässt sie nicht in dieser Starre. Er spricht ihnen zu: Fürchtet euch nicht! Und dann gibt er ihnen eine neue Bestimmung, die sie aus der Starre und dem Entsetzen über ihre Menschlichkeit herausholt. Sie sollen mit ihm gehen. Und sie gehen nicht alleine mit ihm. Simon Petrus, Jakobs und Johannes erhalten gemeinsam Jesu Zuspruch und gemeinsam einen Auftrag. Und auch in dem Auftrag ist Jesus bei all der Göttlichkeit der Erfahrung nah an ihrem vertrauten Leben. Jesus nutzt ein ihnen gängiges Vokabular, indem er ihnen sagt, dass sie zu Menschenfischern werden sollen.

Sie verlassen ihre vertraute Umgebung, aber sie nehmen etwas mit, was sie kennen und Jesus nimmt sie ernst in dem, was sie gelernt haben. Sie verlassen ihr bisheriges Leben und was sie dort, in dem Neuen erwartet, wissen sie auch nicht, ihre Rolle ist dann natürlich eine andere, aber die Worte geben ihnen wenigstens einen Anhaltspunkt. Die Nachfolge klingt radikal, aber sie fangen nicht komplett bei null an, sie haben einen Rucksack dabei. Jesus hat ihnen geholfen diesen Rucksack zu packen.

Auch uns kann es so gehen, dass uns eine Ahnung des Göttlichen in kleinen oder großen Alltagssituationen trifft. Oft ist es nicht der Neuanfang an sich, z.B. der Umzug, der uns dieses Göttliche ahnen lässt, sondern es passiert unverhofft und unvorbereitet. Und dieses Getroffen-werden hilft uns dann dabei einen Neuanfang zu wagen. Es ist quasi die Voraussetzung für einen Neuanfang. Die Begegnung mit dem Göttlichen lässt einen erstarren, denn gerade dann werden einem neue Seiten an sich selbst bewusst, die nicht immer positiv sind. Man wird sich selbst gegenüber transparent. Die Licht- und Schattenseiten kommen in diesen Momenten deutlich hervor. Aber durch sie erhält man die Chance sich einmal in einem andern Licht sehen zu können.

Dieses Wissen, dass man getroffen werden kann von der Botschaft Jesus mitten im Alltag, dass lässt aufmerksam sein, das gibt dem Leben den Charakter des Aufregenden, nicht Vorhersagbaren. Und dennoch steckt in diesem Erleben die Zusage getragen zu sein, sich nicht fürchten zu müssen. Oder wie Hilde Domin es ausdrückte: „Und ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug.“

Impuls zum 2. Februar

Fest der Darstellung des Herrn

Dieses Fest ist auch unter anderen Namen bekannt: „Jesu Opferung im Tempel“, „Maria Lichtmess“ oder auch „Maria Reinigung“. In der Ostkirche heißt es mit Blick auf Hanna und Simeon, die das Kind im Tempel erwarten: „Fest der Begegnung“.

Diesen Gedanken möchte ich vertiefen: „Fest der Begegnung“. Und ich möchte den Kreis der Begegnung weit ziehen. Es geht ja nicht nur um die Begegnung Hannas und Simeons mit Jesus, es geht genauso um ihre Begegnung mit Maria und Josef und vor allem geht es um die Begegnung mit Gott. Dies fällt ganz besonders auf: Gott begegnet Hanna und Simeon im alltäglichen Treiben und Leben auf einem Tempelvorplatz, er begegnet ihnen also mitten im Alltag. Von Bedeutung ist auch: Die Begegnung ist zufällig, aber nicht unvorbereitet. Der Messias wurde ersehnt und mit Hoffnung erwartet.

Vieles von diesem Fest rührt mich an:

Wie Hanna und Simeon Herzen haben, die Großes ersehnen – und ich bekomme Augen, die tiefer sehen!

Wie Hanna, Simeon, Maria und Josef mitten im Alltag sich Zeit nehmen für Begegnungen – und ich erlebe, dass Gott mit Händen zu greifen ist!

Wie Hanna und Simeon offen sei für die Überraschungen Gottes – damit das Heil und nicht das Unheil über mich Macht gewinnt.

Das Gebet Simeons

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht,

wie du gesagt hast, in Frieden scheiden,

denn meine Augen haben das Heil gesehen,

das du vor allen Völkern bereitet hast,

ein Licht, das die Menschen erleuchtet,

und Herrlichkeit ist für dein Volk Israel.

(Lukasevangelium 2,29-32)

Silvesterpredigt 2020

Beim Lesen oder Hören dieses Evangeliums kann man über eine Zeile stolpern, vor allem in diesem Jahr. Da heißt es, die Hirten lobten und priesen Gott, »denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war«. Über diese Zeile kann man lange nachdenken, vor allem am Jahreswechsel 2020-21.

Denn wir stehen ja vor der Situation, dass alles komplett anders gekommen ist als es uns irgendjemand hätte sagen können. Niemand hätte voraussagen können, dass wir hier mit Mundschutz in der Kirche sitzen werden. Und wenn jemand gesagt hätte, dass es nur noch kleine Zahlen in der Kirche sein werden, hätten wir als Grund die Abnahme der Kirchlichkeit vermutet, nicht ein Virus und eine Pandemie.

Andererseits: wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass wir einen Ansturm auf die begrenzten Plätze in den Kirchen erleben würden, dass wir Kirchen wegen Überfüllung schließen und Leute nach Hause schicken müssen? Das ist eine ganz neue Erfahrung für uns. Und dass wir einen ganz neuen liturgischen Dienst haben, den Begrüßungsdienst. Das ist ein Geschenk.

Auf der anderen Seite ist der Dienst des Kommunionhelfers für den Moment völlig verschwunden, und das ist sehr, sehr schade. Denn wie die Apostel bei der wunderbaren Brotvermehrung übernehmen sie den Dienst der Weitergabe der heilbringenden Speise, gemeinsam mit dem Priester, sichtbar als eine Gemeinschaft der Glaubenden im Dienst der Weitergabe. Das ist ein schönes Bild, das jetzt zu kurz kommt.

So haben wir manches verloren, was uns wichtig war, denken wir nur an das fehlende Singen im Gottesdienst, oder an die Geselligkeits-Aspekte unseres Glaubens, die auch völlig fehlen. Denken Sie nur an die Verabschiedung von Pfarrer Dirk Meyer, wo wir keinen Empfang machen konnten, sondern nur draußen vor der Tür mit gehörigem Abstand zusammen waren. Manche können auf Gemeinschaft vielleicht gut verzichten, für andere war es ein Ausweg aus ihrer Einsamkeit.

Niemand kann oder möchte sich vorstellen, was es heißt, in diesen Zeiten völlig zu vereinsamen, vielleicht sogar im Sterben. Das sind für mich die dramatischsten Berichte aus den vielen traurigen Momenten dieser Zeit, dass Menschen in Altenheimen oder Krankenhäusern komplett allein sterben mussten, ohne Familie, Partner oder andere Angehörige.

Es ist ja nicht die Zahl der Toten allein, die uns ängstigt. Es sind auch die Umstände, unter denen gestorben wird. Ich bin froh, dass Besuche in den Heimen wieder möglich sind, und unterstütze die Priorisierung bei der Impfung, dass zunächst die Bewohner und Pflegekräfte geimpft werden sollen, damit dort wieder mehr Leben möglich wird.

Auf diese Erfahrung hatte uns ja niemand vorbereitet. Wir hatten unsere Welt so schön geordnet, alles organisiert und für alles ein Verfahren, dass wir dachten, wir kämen überall durch. Auch den Umgang mit dem Tod hatten wir so schön geregelt, dass wir meinten, wir hätten damit nichts mehr zu tun. Die Pandemie lehrt uns auf brutalste Art eines Besseren bzw. eines Schlechteren. Wir werden mit dem Tod nicht fertig.

Und da kommen mir auch Zweifel, ob wir wirklich gehört haben, was uns gesagt worden ist. Denn was uns gesagt worden ist, ist ja nicht, dass die Welt immer schön einfach, beherrschbar und wunderbar sein wird. Auch wenn wir das vielleicht dachten oder uns so zurechtlegten. Aber wenn wir genau hingehört hätten, hätten wir auch anderes gehört.

Zum Beispiel dass viele Menschen schon vor Corona von dem wachsenden Wohlstand ausgeschlossen waren. Nicht nur weltweit, auch in Deutschland, auch in Bremen. Oder die Erfahrung, dass es Einsamkeit gibt, die durch technische Kommunikationsmittel nur dürftig überdeckt werden kann. Dass schon vor Corona viele Bewohner der Heime keinerlei Besuch bekamen und viele auch ganz allein gestorben sind.

Corona hat das an den Tag gebracht, weil jetzt auch die Menschen betroffen waren, die sonst in privilegierteren Situationen sind. Und das größte Privileg, dass wir haben, ist nicht Wohlstand, sondern sind stabile, tragende Beziehungen. Sind soziale Kontakte, die uns durch das Leben tragen. Das ist uns doch noch einmal überdeutlich geworden.

Und es kann nicht unser Ziel sein, dass wir Corona überwinden und hinter uns lassen, nur damit ein ganzer Teil der Menschen weiterhin einsam und verarmt leben muss und ein anderer Teil sich des Lebens freut. Das ist nicht das, was uns gesagt und verheißen worden ist in der weihnachtlichen Botschaft. Sondern das Kind in der Krippe ist zu allen Menschen gekommen, die sehnsüchtig auf Erlösung warten. Und die Hirten, die Menschen sind dazu berufen, dies in unsere Zeit zu bringen, fühlbar und erfahrbar zu machen. Das ist auch die Aufgabe der Kirche, keine andere. Sie ist nicht für sich selber da, sondern für den Menschen.

Das ist uns gesagt worden, von Anfang an, von Jesus selbst, aber war es so gewesen 2020? Die Kirche gibt ein Bild mit Licht und Schatten. An vielen Stellen hat sie das Zeugnis für Christus eher verdunkelt. Hat es Menschen schwer gemacht, den Weg zu Glauben und Hoffnung zu finden. Und dann gibt es wieder wunderbare Beispiele für gelebten Glauben, die uns inspirieren und ermutigen können.

Es gab so viele Momente, an denen man schier verzweifeln konnte an der Kirche und ihren Verantwortungsträgern. Als beim Synodalen Weg die Brüche und Divergenzen der Bischöfe so sichtbar wurden. Der mangelnde Wille zur Aufklärung der Missbrauchsfälle bei einigen Bischöfen, die immer noch mehr Geld für Anwälte zur Verteidigung der eigenen Position ausgeben als für die Opfer des Missbrauchs. Oder die völlig undurchsichtigen Finanzaffären des Vatikans, die zum wiederholten Male an Kompetenz und Verantwortung in Rom zweifeln lassen. Auch die sommerliche römische Instruktion zum Gemeindeverständnis. Wenig Gemeinde, noch weniger Verständnis.

Da hilft auch eine Enzyklika wie ›Fratelli Tutti‹ nicht viel. Wie glaubwürdig ist es, wenn die Kirche die Welt belehrt in Bezug auf Transparenz und Gerechtigkeit, wenn sie selber völlig intransparent und ungerecht agiert? Die Kirche soll nicht dem Zeitgeist des 21. Jahrhunderts folgen, aber auch nicht dem des 19. oder 17. Jahrhunderts. Und vieles, was als unveräußerlicher Kernbestand des kirchlichen Wesens bezeichnet wird, ist doch nur Ausdruck und Abbild eines veralteten Gesellschaftsmodells. Höfisches Gehabe wie in einer absoluten Monarchie passt nicht mehr in diese Zeit, passt auch nicht zu Jesu Botschaft und Auftrag.

Was wir brauchen ist eine innere, eine geistliche Erneuerung der Kirche, die auch in sichtbaren Veränderungen ihren Ausdruck finden muss. Man kann nicht beides ohne einander haben. Wir können nicht von einer geistlichen Erneuerung sprechen, wie manche Bischöfe meinen, aber alles Äußere unangetastet lassen. Und wir können auch nicht nur an den Strukturen herumdoktern, ohne eine innere Erneuerung zu ermöglichen. So funktioniert es nicht.

Die sichtbare Struktur der Kirche ist immer Ausdruck ihrer inneren Verfasstheit. Und beides bedingt sich wechselseitig, als Katholiken sollten wir das wissen. Im Jogginganzug benehme ich mich anders als im Abendkleid. Ein Bischof, der wie ein absolutistischer Herrscher alles allein entscheiden kann, entscheidet anders als einer, der Rechenschaft ablegen muss, Mitbestimmung kennt und sich an Recht und Struktur gebunden weiß.

Aber auch das Licht des Glaubens durften wir sehen in der Kirche in diesem Jahr. Immer wieder denke ich an die langen Schlangen vor St. Johann, als im April und bis Juni hier Essen an Arme ausgegeben wurden. Das war ein heiliges Mahl, daran hätte Jesus reine Freude gehabt. Oder der Karfreitag-Moment, als wir noch keine Gottesdienste feiern konnten, aber viele Menschen einfach so in der Kirche waren, Kreuzweg gebetet haben oder die Bibel gelesen. Es war eine ganz besondere Gemeinschaft, die sich da einfand.

Oder die Gespräche mit Menschen über die Erfahrung des Glaubens in dieser Zeit. Auch in der Ökumene. Es waren Begegnungen, getragen von einer tiefen Ernsthaftigkeit und Offenheit für Gottes Wort. Für all das bin ich dankbar.
Die Hirten kehrten zurück und lobten und priesen Gott. Und Maria bewahrte alles in ihrem Herzen. Das wollen wir an diesem Jahresende, Jahresanfang auch tun. Es im Herzen bewahren und Gott danken. Denn was Gott sagt, das geschieht. Nicht die Erfüllung unserer Wünsche, aber die Erfüllung unserer Sehnsucht. Und seiner Verheißung.

Die Weissagung des Propheten Natan an König David

König Davids Macht ist gefestigt. Die feindlichen Stämme hat er besiegt und Jerusalem zur Hauptstadt seines Reiches gemacht. Nun möchte er für die Bundeslade, die Zeichen der Gegenwart Gottes ist, einen würdiges ›Haus‹ bauen.
Darüber scheint Gott ein bisschen amüsiert zu sein: David, scheint er zu sagen, denkst du so klein von mir? Meine Pläne mit dir reichen weit hinaus über deinen Plan, mir einen Tempel zu bauen. Sie spannen sich weit über deine Lebenszeit und die deiner Nachkommen hinaus.

Im prophetischen Wort verkündet Natan nun dem König David Gottes Heilsplan: David wird zu einem großen Herrscher aufsteigen. Das Volk Israel wird in Sicherheit und Frieden leben. Nachkommen werden dem davidischen Königshaus auf ewig Bestand verleihen.
Und wo ist nun der adventliche Gedanke in dieser alttestamentlichen Lesung? Die Verheißung schließt mit den Worten, dass ein Nachkomme Davids Gott so lieb sein wird wie ein eigener Sohn. Das ist sozusagen die Geburtsstunde der messianischen Erwartung: Der Messias wird kommen als König und Friedensfürst. Diese Erwartung haben auch die Menschen zur Zeit Jesu.

Der Messias kommt, aber ganz anders – er kommt klein und arm auf diese Welt. Im Kind Jesu, das in einer Futterkrippe liegt, beten wir den menschgewordenen Gott an, den ›Sohn des ewgen Vaters‹, so heißt es in dem Adventslied ›Tochter Zion, freue dich‹. In froher Erwartung singen wir:
Tochter Zion, freue dich.
 Jauchze laut, Jerusalem.
 Sieh, dein König kommt zu dir.
 Ja, er kommt, der Friedensfürst.

Im Gespräch mit dem Propheten Jesaja

»Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn«. Deine Freude, Jesaja hat sich an dem entzündet, was Gott für die Menschen getan hat und noch immer tut. Alles das, was einen Menschen niederbeugt, innerlich und äußerlich zerbrechen lässt, das hat Gott von ihm genommen. Schmerzende Wunden hat er geheilt. Den ›Mantel der Gerechtigkeit‹ hat er dem geknechteten Menschen umgelegt, ihn ganz darin eingehüllt.
Gottes Gerechtigkeit reicht aber noch viel tiefer, sie ist der ganzen Welt eingestiftet und wird sich entfalten wie die selbstwachsende Saat.
Das ist eine fast überwältigend frohe Botschaft, die du Jesaja, der du von Gott beauftragt und gesalbt bist, dem Volk Israel verkündest.

Mit eben diesen deinen Worten tritt später Jesus in der Synagoge von Nazareth auf. Mit deinen Worten sagt er, wozu er sich von Gott seinem Vater gesendet weiß: gebrochene Herzen zu heilen, Fesseln zu lösen, den Armen die frohe Botschaft zu bringen.

Deine Worte, Jesaja, leuchten in unsere unruhige Zeit, die verdunkelt ist von Not, Angst, Sorge und Wirrwarr. Deine Verheißungen werden Wirklichkeit in Jesus. Über sein Kommen freuen wir uns in diesen Tagen des Advents.

Aus dem zweiten Buch Samuel

In jenen Tagen als König David in seinem Haus wohnte und der Herr ihm Ruhe vor allen seinen Feinden ringsum verschafft hatte, sagte er zu dem Propheten Natan: Ich wohne in einem Haus aus Zedernholz, die Lade Gottes aber wohnt in einem Zelt.
Natan antwortete dem König: Geh nur und tu alles, was du im Sinn hast; denn der Herr ist mit dir. Aber in jener Nacht erging das Wort des Herrn an Natan:
Geh zu meinem Knecht David, und sag zu ihm: So spricht der Herr: Du willst mir ein Haus bauen, damit ich darin wohne? Ich habe dich von der Weide und von der Herde weggeholt, damit du Fürst über mein Volk Israel wirst, und ich bin überall mit dir gewesen, wohin du auch gegangen bist. Ich habe alle deine Feinde vor deinen Augen vernichtet, und ich will dir einen großen Namen machen, der dem Namen der Großen auf der Erde gleich ist.
Ich will meinem Volk Israel einen Platz zuweisen und es einpflanzen, damit es an seinem Ort sicher wohnen kann und sich nicht mehr ängstigen muss und schlechte Menschen es nicht mehr unterdrücken wie früher und auch von dem Tag an, an dem ich Richter in meinem Volk Israel eingesetzt habe. Ich verschaffe dir Ruhe vor allen deinen Feinden. Nun verkündet dir der Herr, dass der Herr dir ein Haus bauen wird.
Wenn deine Tage erfüllt sind und du dich zu deinen Vätern legst, werde ich deinen leiblichen Sohn als deinen Nachfolger einsetzen und seinem Königtum Bestand verleihen. Ich will für ihn Vater sein, und er wird für mich Sohn sein. Dein Haus und dein Königtum sollen durch mich auf ewig bestehen bleiben; dein Thron soll auf ewig Bestand haben.
2 Sam 7, 1-5; 8b-12: 14a. 16

Im Gespräch mit dem Propheten Jesaja

»Tröstet«, so ruft jemand zum Zuspruch auf, der um etwas, das ihm lieb geworden ist, in großer Sorge ist. »Tröstet, tröstet mein Volk«. Es ist Gott selbst, der zum tröstenden Zuspruch für sein schuldverstricktes, leidgeprüftes Volk aufruft.

Was ist geschehen? Israel befindet sich in babylonischer Gefangenschaft, aber die Rückkehr aus dem Exil in die Heimat deutet sich schon an. Gott wird sich des Perserkönigs Kyrus ›bedienen‹, um sein Volk aus der Knechtschaft in die Freiheit zu führen. Das sogenannte ›Trostbuch Israels‹ beginnt mit eben diesen anrührenden Worten »Tröstet, tröstet mein Volk.«

Es sind mehrere Stimmen, die das nahende Ende des Frondienstes und den Anbruch einer neuen Heilszeit verkünden. Eindringlich heißt es: redet, sagt, verkündet, hört, seht. Und immer wieder ›seht‹. Auch deine Stimme, Jesaja, ist in dieser Stimmenvielfalt zu hören. »Seht, da ist euer Gott«. In einer kraftvollen, bildreichen Sprache verkündest du den Anbruch einer neuen Zeit, in der die Herrlichkeit Gottes offenbar wird.

Wir können die sprachlichen Bilder nicht alle ausdeuten, aber wir können sie auf uns wirken lassen. Was z.B. bedeutet es für mich jetzt im Advent, Krummes zu begradigen, Hügliges einzuebnen, eine Straße durch die Wüste zu bauen?
Die Aussagen zielen darauf ab, sich dem überwältigend Neuen, das sich da anbahnt, zu öffnen und es aufzunehmen.
Seht: Da ist euer Gott.
Seht: Er herrscht mit starkem Arm.
Seht: Er führt wie ein Hirt die Herde zur Weide

Deine eindringlichen, farbigen Worte, Jesaja, hat auch Jesus gelesen, gebetet und verinnerlicht. Er selbst wird zum Guten Hirten. In ihm, so glauben wir, ist das Neue endgültig und unwiderruflich angebrochen.
Deine Trostworte, Jesaja, berühren auch uns in diesen unruhigen Zeiten. »Tröstet, tröstet mein Volk«.

Aus dem Buch Jesaja

Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.
Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn. Meine Seele soll jubeln über meinen Gott. Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit, wie ein Bräutigam sich festlich schmückt und wie eine Braut ihr Geschmeide anlegt.
Denn wie die Erde die Saat wachsen lässt und der Garten die Pflanzen hervorbringt, so bringt Gott, der Herr, Gerechtigkeit hervor und Ruhm vor allen Völkern.
Jes 61, 1-2a, 10-11

Im Gespräch mit dem Propheten Jesaja

Welch eine trostlose Zeit! Die Herzen der Menschen sind hart geworden, ihr Mitgefühl abgestumpft und der Sinn für ein gerechtes menschliches Miteinander ist verblasst. So klagst du, Jesaja, über deine gegenwärtige Zeit. Und auch die Frage nach Gott ist verstummt. Er hat den Menschen sein Antlitz entzogen. Die Himmel sind verschlossen.

Du, Jesaja, legst deinen Finger in die offene Wunde: Es ist der Mensch selbst, der sich von Gott abgewandt hat. Er ist einer religiösen Trägheit verfallen und tut nur halbherzig, was gut und recht ist. So aber gleicht der Mensch einem welken Blatt, das – ohne Wurzelgrund – ziellos vom Wind fortgetrieben wird.

Deine Prophetenseele ist erschüttert und du beschwörst Gott: Zeige uns wieder dein Antlitz! Komm uns entgegen! Reiß die verschlossenen Himmel auf!
Ist er, Gott, nicht der Töpfer und wir Menschen der Ton in seiner Hand? Und will nicht jeder Töpfer, dass sein Werk gelingt, dass es vollendet, ja sogar schön ist?

Deine Worte, Jesaja, sind über 2500 Jahre alt. Sie laden auch heute noch dazu ein, sich hoffend Gott anzuvertrauen. Auch wir dürfen sagen: »Du Herr, bist unser Vater.«

Aus dem Buch Jesaja

Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott.
Redet Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst zu Ende geht, dass ihre Schuld beglichen ist; denn sie hat die volle Strafe erlitten von der Hand des Herrn für all ihre Sünden.
Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott!
Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben.
Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, alle Sterblichen werden sie sehen. Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen.
Steig auf einen hohen Berg, Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! Sag den Städten in Juda: Seht, da ist euer Gott.
Seht, Gott der Herr, kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm. Seht, er bringt seinen Siegespreis mit: Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her.
Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam.
Jes 40, 1-5, 9-11.